DEBATTE: MdL Karl Freller
Ein anderes Leben
– Etwa ein Viertel der bayerischen Bevölkerung lebt mittlerweile in Städten mit mehr als 50000 Einwohnern – Tendenz steigend! Vor allem die Großstädte mit mehr als 100000 Einwohnern werden in den kommenden Jahren einen Einwohnerzuwachs erleben. Daher muss die CSU genauso als Stadtpartei wahrgenommen werden, wie als Partei für den ländlichen Raum, sagt MdL Karl Freller. In einer Serie des Bayernkuriers wurden Kommunalpolitiker befragt, welche Herausforderungen eine "Urbanisierung" für die politisch Handelnden bringt.
Die Politik der CSU-Landtagsfraktion war es schon immer, gleichermaßen auf die Entwicklung von Land und Ballungszentren zu achten. Der eine braucht den anderen!

Aber keine Frage, die Sozialstruktur in Städten ist eine andere als auf dem Land. Teurer Wohnraum, hoher Migrantenanteil, starke Verkehrsbelastung, ein größeres Sicherheitsbedürfnis – all das sind Themen, die in einer Politik für Städte besondere Beachtung finden müssen und gute Lösungskonzepte brauchen. Besonders unterscheiden sich Stadt und Land auch in der Gesellschafts- und Familienstruktur: Vereine haben nicht dieselbe Bedeutung wie im ländlichen Raum, ihre Bindekraft ist deutlich geringer. Der sogenannte vorpolitische Raum – für die CSU von großer Bedeutung – ist projektbezogener und individueller organisiert. Ich denke dabei zum Beispiel an Tierschutz- und Umweltgruppen, an Kleinkunstbühnen und die Vielfalt kulturellen Lebens.
Und das traditionelle Familienbild ist nicht mehr zwangsläufig die Regel, wir haben viele Singlehaushalte, Alleinerziehende und eine steigende Zahl von alleinlebenden Senioren. Diese vielen Formen des Zusammenlebens in der Stadt müssen wir in unsere politische Arbeit einbeziehen, beispielsweise durch Ausbau der Kinderbetreuung, ein erhöhtes Angebot an Ganztagsschulen oder die entschiedene Bekämpfung von Altersarmut und Einsamkeit im Alter.
Ich denke, in der Stadt wird besonders spürbar, welch große Themenvielfalt eine Partei berücksichtigen muss, um eine Volkspartei zu sein.
MdL Karl Freller
Wir müssen auf die veränderten Bedürfnisse der Menschen angemessen und flexibel reagieren. Ich denke, in den Städten wird besonders spürbar, welch große Themenvielfalt eine Partei berücksichtigen muss, um eine Volkspartei zu sein. Deswegen braucht die CSU, trotz ihrer bisherigen Erfolge auch in städtischen Stimmkreisen, eine Schärfung ihres Profils.
Die CSU muss noch stärker die Lebenswirklichkeit und das Lebensgefühl der Menschen in Ballungsräumen erfassen, die konkreten Probleme aufgreifen und Lösungsansätze bieten. Nicht zuletzt haben neue Entwicklungen in der Stadt seismographischen Charakter. Auf kurz oder lang kommen sie letztendlich auch in Mittel- und Kleinstädten an. Bei aller Verantwortung der Kommunalpolitik vor Ort setzt die Landespolitik entscheidende Rahmenbedingungen für die Entwicklung großer Städte.
Der Autor ist Fraktionsvize im Landtag, Stadtrat in Schwabach und leitet die CSU-Arbeitsgruppe „Große Städte“. www.freller.de
Hintergrund
Der Text "Ein anderes Leben" wurde im Bayernkurier veröffentlicht und ist Teil einer Serie, die sich mit konservativer Stadtpolitik befasst. Es brauche neben glaubwürdigen modernen Politikern auch eine inhaltliche Neuorientierung, forderten Unionspolitiker nach den letzten Wahlen. Ist das wirklich so? Ist die CSU nur auf dem Land und in kleinen Gemeinden oder auch in Großstädten gut vertreten? Was muss sich ändern? Die Bamberger CSU wird die Serie in unregelmäßigen Abständen publizieren.

