Wenn die Automobilindustrie hustet, ist Bayern krank

Weißbier-Index: Das Weißbier-Glas der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft ist recht gut gefüllt. Aber zum ersten Mal seit vier Jahren zeigen die Trendpfeile nach unten. (Bild: vbw)
Bayerns Automobilindustrie ist im dritten Quartal 2018 eingebrochen – und hat die wirtschaftliche Gesamtbilanz des Freistaats in den negativen Bereich gedrückt. vbw-Chef Alfred Gaffal warnt: „Unsägliche Diesel-Debatte schadet unserer Leitindustrie.“

„Die unsägliche und völlig aus dem Ruder gelaufene Diesel-Debatte belastet unsere Leitindustrie.“ Die drastische Warnung formulierte der Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), Alfred Gaffal, bei der Vorstellung des halbjährlichen vbw Index der Bayerischen Wirtschaft.

30 Prozent der industriellen Wertschöpfung

Die Automobilindustrie sei von grundsätzlicher Bedeutung für die Zukunft unseres Wirtschaftsstandorts und unserer gesamten Volkswirtschaft, warnt Gaffal: „Und nun sind wir auf dem besten Weg, unsere Leitindustrie zu beschädigen. Unsere Konkurrenten im Ausland reiben sich schon die Hände.“

Die Automobilindustrie ist von grundsätzlicher Bedeutung für die Zukunft unserer gesamten Volkswirtschaft.

Alfred Gaffal, Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw)

Tatsächlich steht die Automobilindustrie allein in Bayern für 30 Prozent der industriellen Wertschöpfung, für mehr als 200.000 Arbeitsplätze in der Branche selbst sowie für die gleiche Zahl von Jobs in Handwerk, Dienstleistungen und anderen Industriebranchen. Mit der Automobilindustrie bestreitet der Freistaat 30 Prozent seiner Exporte.

Die Automobilindustrie …

Gaffal: „Wenn die Automobilindustrie hustet, ist Bayern krank.“ Und das Husten ist nicht zu überhören: Im dritten Quartal 2018 sank die Produktion der bayerischen Automobilindustrie gegenüber dem Vorjahr um 7,6 Prozent. Die Ausfuhren fielen um 28,3 Prozent.

Die Automobilindustrie steht für fast 30 Prozent der gesamten bayerischen Exporte.

Alfred Gaffal

Gaffal führt den Absturz nicht nur, aber vor allem, auf einen Sondereffekt zurück: Die zu eilige Einführung des neuen WLTP-Testverfahrens für die Bestimmung von Abgas-Emissionen. Die Hersteller können nicht schnell genug Neufahrzeuge durch das neue Testverfahren schleusen und produzieren auf Halde. Zu diesem Sondereffekt, der wohl bald überwunden sein wird, träte aber eben immer mehr die Verunsicherung der Dieselkunden.

… macht für Bayerns Wirtschaft das Wetter

Der hoffentlich nur kurzfristige Wachstumseinbruch bei der Autoindustrie hat sich bei der Entwicklung der bayerischen Wirtschaft dramatisch bemerkbar gemacht: In der ersten Jahreshälfte 2018 ist Bayerns Industrieproduktion noch um 2,2 Prozent gewachsen – im dritten Quartal ist sie um 0,4 Prozent gesunken. Ohne Automobil hätte sich auch im dritten Quartal ein Produktionsplus von 1,8 Prozent ergeben.

Wenn die Automobilindustrie hustet, ist Bayern krank.

Alfred Gaffal

Das gleiche Bild zeigen Bayerns Exportzahlen: Im ersten Halbjahr ein Plus von 2,8 Prozent, für das dritte Quartal ein Minus von 3,1 Prozent. Rechnet man das Pkw-Exportminus von 3,1 Prozent heraus, ergibt sich für Bayerns übrige Wirtschaft ein Exportplus von 3,2 Prozent. Die Automobilindustrie, das bedeuten die Zahlen, macht für Bayerns Wirtschaft das Wetter. Gaffal: „Wir müssen die Stellung Bayerns als globale Leitregion des Automobils erhalten.“

Schwächeres Wachstum

Der Hustenanfall der Automobilindustrie hat sich auch in den Prognosen für das ganze Jahr niedergeschlagen. Die vbw senkt ihre Wachstumsprognose 2018 für Bayern von 2,5 auf 2,2 Prozent. Auch der vbw-Index der Bayerischen Wirtschaft – weil graphisch mit dem Füllstand eines Weißbierglases dargestellt auch „Weißbier-Index“ genannt – ist um zehn Punkte auf 135 Punkte gefallen. Das ist der erste Rückgang seit mehr als vier Jahren.

Wir korrigieren unsere Wachstumsprognose 2018 für Bayern von +2,5 Prozent auf maximal +2,2 Prozent.

Alfred Gaffal

Gaffal: „Die Abkühlung hat begonnen. Das Wirtschaftswachstum wird sich weiter verlangsamen.“ Die aktuelle Geschäftslage ist nach wie vor gut, die Urteile der Unternehmen fallen aber nicht mehr so positiv aus wie vor einem halben Jahr: Die Auftragseingänge in der Industrie sind im dritten Quartal um 3,5 Prozent gesunken. Der vbw Prognose-Index Wachstum, der diese Stimmung einfängt, sank um 13 auf 124 Punkte.

Arbeitsmarkt expandiert langsamer

Sehr gut steht es weiterhin um Bayerns Arbeitsmarkt. Mit einer Arbeitslosenquote von 2,7 Prozent herrscht im Freistaat Vollbeschäftigung. Weil sich aber auch hier die Entwicklung verlangsamt, ist der vbw-Prognose-Index Beschäftigung um 16 auf 121 Punkte zurückgegangen: Den Umfragen der vbw zufolge sind die Beschäftigungspläne der Unternehmen zwar noch immer positiv, aber sichtbar weniger expansiv als bisher.

Die Neuzugänge an offenen Stellen lagen im November zum vierten Mal unter dem Vorjahresniveau. Trotzdem liegt der Bestand an freien Stellen immer noch um fast drei Prozent höher als vor einem Jahr. Zeichen der langsameren Expansion: In diesem Jahr ist die Zahl der Arbeitslosen jeden Monat um 975 zurückgegangen – 2017 war der Rückgang mit durchschnittlich 1800 fast doppelt so groß.

Mehr Licht auf die Finanzierung der DUH?

Von der Automobilindustrie hängt im Automobilstandort Bayern alles ab: Wachstum, Export, Beschäftigung. Die Debatte um Diesel-Fahrverbote hält vbw-Präsident Gaffal denn auch für „völlig irrational”. Die Grenzwerte für Luftbelastung sowie die Positionierung der Messstationen seien „mehr als fragwürdig“. Tatsächlich seien der Kraftstoffverbrauch neu zugelassener Pkw in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt bei Benzinern um 21 und bei Dieselfahrzeugen um 25 Prozent gesunken. CO2-Emissionen seien seit 1998 um ein Drittel reduziert worden.

Die Luft in Deutschland ist so sauber wie noch nie.

Alfred Gaffal

Gaffal: „Die Luft in Deutschland ist so sauber wie noch nie, trotzdem werden die durch die Umwelthilfe angetriebenen Fahrverbote immer mehr.“ Der vbw-Präsident wünscht sich, dass mehr Licht geworfen wird auf die Finanzierung der nichtstaatlichen Deutschen Umwelthilfe e.V. (DUH). Gaffal erinnert an deren „Kooperation mit Toyota“. Der japanische Automobilhersteller – weltweit die Nummer zwei nach Volkswagen – ist scharfer Konkurrent deutscher Hersteller und hat angekündigt, keine Diesel mehr zu produzieren.

Die DUH finanziert sich aber auch durch öffentliche Gelder, so Gaffal. Zu den Förderern der DUH zählten unter anderem die Bundesregierung, nachgelagerte Behörden des Bundes und die EU. Auch das Bundeswirtschaftsministerium beauftragt die DUH mit Projekten. Gaffal: „Damit finanziert das Ministerium, dessen Kernaufgabe ja die Förderung der Wirtschaft ist, eine Organisation, die der Automobilindustrie schadet.“

Quelle: BAYERNKURIER